Eine Fachinformation des Chemisch-Technologischen Laboratoriums Dr. W. Melzer, Bremen.
www.labordrmelzer.de
Ein Phänomen, das von uns immer wieder, allerdings
nur während der Heizperiode in den Wintermonaten beobachtet wird, ist die z.T
über Nacht erfolgende sog. "Verrußung" bzw. Schwarzverfärbung von Innenräumen.
Dabei kommt es zu einer mehr oder minder plötzlichen Grauschwarzverfärbung
rußartigen Charakters von bestimmten Bereichen der Wohnung.
Es hat in der Vergangenheit nicht an Erklärungsversuchen für dieses Phänomen
gefehlt, wobei die Ausbreitung der sog. Rußpartikel durch vertikale Konvektion
und horizontale Thermodiffusion durchaus eine richtige
Transportwegbeschreibung darstellt, aber die Herkunft und der
Bildungsmechanismus der "Rußbeläge" konnte nicht befriedigend erklärt werden.
Erklärungsmodelle wie Tabakrauch, Rauchgasniederschläge aus
Industrieemissionen
sublimierende Ammoniumsalze aus alten Schornsteinen. Zersetzung von
Staubpartikeln zu heißen Oberflächen wie z.B. von Elektrospeicherheizgeräten
waren grundsätzlich spekulativer Natur und in allen Fällen nicht durch
chemische Untersuchungen abgesichert.
Oft wird falsch vermutet
Der erste Schritt der Betroffenen beim Auftreten
derartiger Verschmutzungen
ist in der Regel die Heranziehung des zuständigen Bezirksschornsteinfegers, da
eine Undichtigkeit innerhalb des Rauchgassystems bzw. des Schornsteins
vermutet wird.
Diese Recherchen führen dann zu der immer wiederkehrenden Feststellung, daß
etwaige Undichtigkeiten nicht vorhanden sind . Dabei handelt es sich-abgesehen
von Effekten, die durch Abbrennen stark rußender Kerzen oder von
Petroleumduftölen (bei denen der Docht zu weit aus der Abrenn-Vorrichtung
gezogen worden ist) hervorgerufen werden- bei den Wohnungen in aller Regel um
kleine Wohneinheiten, die z.T. dominierend mit kunststoffhaltigen
Einrichtungsgegenständen ausgestattet sind.
Hierbei kommt es während der Heizperiode zum Auftreten von flüchtigen
organischen Verbindungen (FOV) in der Innenraumluft, die auf eine Vielzahl von
Quellen zurückzuführen sind.
Grundsätzlich handelt es sich dabei um Ausgasungen aus kunststoffhaltigen
Wohnungsausstattungen wie z.B. textilen Bodenbelägen, hierbei insbesondere der
getuften Standard-Teppich-Auslegeware, die zumeist in der Rückenlage
Polypropylengewebe mit aufgeschäumten Seyrol-Butadien-Kautschuk enthält.
Dabei tritt die Schaumphase als Hauptemittent in Erscheinung. Bei diesen
Ausgasungen spielen hochsiedende organische Verbindungen wie Weichmacher
(Leitsubstanz Phthalsäureester), Alterungsschutzmittel,
Vulkanisationsbeschleuniger u.a. die Hauptrolle. Interessant in diesem
Zusammenhang ist auch die Grenzwertliste von Öko-Tex 107 für textile
Bodenbeläge, bei der u.a. auf folgende leichtfrüchtige und auch
geruchsbildende Komponenten abgehoben wird: Toluol,Styrcl, Vinylcyclohexan,
4-Phenylcylohexan, Butadien, Vinylchlorid, aromatische Kohlenwasserstoffe.
Darüber hinaus noch Formaldehyd und chlororganische Carrier.
Es ist aber zu betonen, daß keineswegs nur bestimmte Teppich-Auslegewaren als
Haupt- oder Primärquelle für die Ausgasungen während der Heizperiode in
Betracht kommen. Es sind hier noch eine Vielzahl anderer Quellen zu nennen,
wie Innenraumfarbe, geschäumte Strukturtapeten, Kassetendecken aus Styropor,
Heizkörperlacke, Laminatfußböden, Isolierschäume u.a..
Der Schwärzungseffekt beruht darauf, daß sich die ausgasenden chemischen
Verbindungen aus dem Mittelsiederbereich auf dem in jeder Wohnung vorhandenen
Hausfeinstaub, dem Mikrostaub, niederschlagen und an kälteren Flächen,
sogenannten Kältebrücken, zumeist im Bereich der Außenwände und Gardinen,
Decken usw. als grau-schwarzer Belag kondensieren ("Fogging-Effekt"), wobei
auch bauphysikalische Gegebenheiten, wie Wärmedurchgangswerte und
Luftwechselraten noch eine Rolle spielen.
Es gibt Abhilfe!
Abhilfe ist nur durch kompletten Austausch dieser Ausstattungsgegenstände
gegen Naturprodukte wie z.B. Wolle-, Kokos- oder Sisalteppiche im
Teppichbereich bzw. Raufaser oder Papiertapeten im Tapetenbereich möglich.
Eine Einschaltung der Hausrat-Versicherung ist sicher zu empfehlen, stellt
aber nach hiesiger Einschätzung keine Garantie für Ersatz des materiellen
Schadens dar.
In größerem Maße sind bei "Fogging - Effekten" bestimmte Innenraumfarben -
insbesondere nach Renovierarbeiten innerhalb des letzten Jahres - auffällig
geworden.
Auch einige Pflegemittel für Holzfußböden sind an "Fogging" - Effekten nach
hiesiger Kenntnis beteiligt. Beim "Fogging"- Effekt ist allerdings auf eine
Besonderheit hinzuweisen. Häufig kommt es in Wohnblöcken, die durchgängig von
einem Bauträger in gleicher Weise mit Farben, Tapeten, Teppichen und dgl.
ausgestattet sind, nur in einem Falle zum Auftreten des sog. "Fogging"- Effekts.
Hierbei ist zu beachten, daß die einzige, aber entscheidende Variable dieses
Vorgangs der Mikrofeinstaub innerhalb der Wohnung selbst ist. Jede Wohnung
enthält nach Art und Menge ein unterschiedliches Staub-Potential, das abhängig
ist von der individuellen Einrichtung und Nutzung der Wohnung. Durch die
Aufheizung während der Heizperiode wird auch der Hausfeinstaub in einer
gewissen Weise vorkonditioniert, so dass es zu staubart-spezifischen
Anlagerungen der aus Farben, Teppiche, Schaumtapeten und dgl. ausgasenden
Verbindungen kommt.
Dabei findet der "Fogging"- Effekt nur dann statt, wenn alle Voraussetzungen
hinsichtlich Art und Menge für die Bindung des Staubes gegeben sind, also ein
sog. worst-case-Szenario vorliegt. Dies bedeutet, daß nur in wenigen Fällen
die gleiche Farbe, Teppich oder Schaumstoff trotz ihres Ausgasungspotentials
tatsächlich zu einer Schwarzfärbung führt. Durch die Kondensation der
ausgasenden chemischen Verbindungen im Bereich der Kältebrücken der Wohnung
auf dem vorkonditionierten Hausstaub wir der ansonsten nicht sichtbare
Hausfeinstaub er sichtbar gemacht, d. h. sichtbar als äußerlich rußartige
grau - schwarze -schmierige Verfärbung.
In diesem Fall sprechen wir vom "Fogging"- Effekt. Es sei in diesem
Zusammenhang nochmals klargestellt: bei dem Staub handelt es sich nicht um
groben Wohnungsschmutz, sondern um einen wohnungsspezifischen Mikrofeinstaub,
der durch eine Vielzahl menschlicher Aktivitäten, wie Kochen, Putzen u. a.
bedingt sein kann.
Proben erleichtern die Arbeit
Durch hohe Luftwechselraten, bauphysikalisch günstige Durchgangswerte der
Wände, kann sicherlich eine gewisse Reduzierung des Mikrofeinstaubs erreicht
werden. Zum "Fogging"- Effekt kommt es allerdings erst dann, wenn unter den
Bedingungen der aufgeheizten Räume mittelflüchtige chemische Verbindungen aus
kunststoffhaltigen Primärquellen ausgasen können und dann auf einem nach Art
und Menge dafür geeigneten und vorkonditioniertem Feinstaub auf diesem
kondensieren.
Häufig wird von den Betroffenen beim teilweise Über-Nacht-Auftreten derartiger
Verschmutzungen der Fehler gemacht, die Wohnung sofort umfassend zu säubern.
Damit wird natürlich der Nachweis der Ursächlichkeit erschwert. Das zur
Aufklärung beauftragte Institut ist darauf angewiesen, spezielle Wischproben
mit präparierten Läppchen durchzuführen, die dann einer entsprechenden GC-bzw
GC/MS- Laboruntersuchung zugeführt werden. Nach Entnahme der Proben steht
einer gründlichen Reinigung der Wohnung natürlich nicht entgegen, wobei auch
noch einmal darauf hingewiesen werden sollte, daß bei Nichtaustausch
entsprechender Wohnungsausstattungen derartige Kontaminationseffekte sich
durchaus wiederholen können und wie die Erfahrung gezeigt hat, leider auch
wiederholt haben. Hinsichtlich der Festlegung welche Imissionsquelle
ursächlich für den "Fogging"- Effekt in Betracht kommt, sei darauf verwiesen,
daß in unserem Laboratorium seit Mitte 1997 eine Apparatur zur Bestimmung des
"Fogging"- Verhaltens von Einrichtungsgegenständen, Werkstoffen, Farben und
dergleichen gem. DIN 75201-B installiert wurde. Mit diesem Gerät bei dem die
Menge der kondensierbaren Bestandteile in einem Simulationsvorgang gemessen
wird, ist es inzwischen möglich, Voraussagen über die Eignung bestimmter
Materialien im Wohninnenbereich zu machen, bzw. Aussagen darüber zu treffen,
ob überhaupt und in welcher Menge kondensierbare Verbindungen abgegeben
werden. Die Erfahrung hat gezeigt, um das hier noch einmal zusammenzufassen,
daß kondensierbare chemische Verbindungen organischer Natur wie längerkettige
Kohlenwasserstoffe (C16-C25-Alkane), höherwertiger Alkohole, Phthalsäureester
und andere schwerflüchtige Carbonsäureester in erster Linie von bestimmten
Farben, sog. getufter Teppich-Auslegware, Laminatfußboden, geschäumten
Strukturtapeten und Vinyltapeten, kunststoffhaltigen Dekormaterialien,
Isolierschäumen und vereinzelten Raumpflegemitteln während der Heizperiode
emittiert werden.
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